DAX auf Rekordkurs, deutsche Wirtschaft in Stagnation: Das Rätsel der Entkopplung

Während Deutschlands Bruttoinlandsprodukt im zweiten Jahr hintereinander schrumpft, feiern die Aktienmärkte neue Höchststände. Der DAX durchbrach kürzlich die 25.000-Punkte-Marke und setzt seine Rekordjagd fort. Wie lässt sich dieser scheinbare Widerspruch erklären? Die Antwort liegt nicht in einer deutschen Wirtschaftsauferstehung, sondern in der zunehmenden Entkopplung der DAX-Konzerne vom heimischen Markt. Was einst ein Index deutscher Unternehmen war, ist heute ein Portfolio globaler Weltkonzerne mit deutscher Adresse.

Die Entkopplung: DAX-Konzerne sind keine deutschen Unternehmen mehr

Die wichtigste Erklärung liegt in der zunehmenden Internationalisierung der DAX-Konzerne. Diese Unternehmen sind längst globale Player, die nur noch zu einem Bruchteil vom deutschen Markt abhängen. Während die deutsche Wirtschaft 2024 das zweite Jahr in Folge schrumpfte – mit einem BIP-Rückgang von 0,2 Prozent – erwirtschaften DAX-Unternehmen etwa 80 Prozent ihrer Umsätze im Ausland und nur rund 20 Prozent in Deutschland. Bei manchen Konzernen wie SAP, Adidas oder Fresenius Medical Care liegt der internationale Anteil sogar bei über 85 Prozent.

Die DAX-Konzerne profitieren somit von globalen Wachstumsmärkten und der Nachfrage in wirtschaftlich stärkeren Regionen, insbesondere in Nordamerika (etwa 28 Prozent der Umsätze) und Asien-Pazifik (rund 23 Prozent). Während Deutschland mit strukturellen Problemen wie hohen Energiekosten, Bürokratie und Fachkräftemangel kämpft, erschließen sich diese Konzerne profitable Märkte weltweit.

Rekordgewinne trotz deutscher Rezession

Trotz der heimischen Wirtschaftskrise stehen 15 der 40 DAX-Konzerne 2025 vor Rekordgewinnen. Der Gesamtgewinn der DAX-Unternehmen dürfte bei etwa 115 Milliarden Euro liegen – der dritthöchste Wert in der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Besonders erfolgreich sind dabei:

Technologie und Software: SAP, Europas größtes Softwareunternehmen, profitiert massiv von der Cloud-Transformation und dem KI-Boom. Das Unternehmen dürfte 2025 erstmals mehr als zehn Milliarden Euro operativen Gewinn erzielen.

Finanzsektor: Die Versicherungskonzerne Allianz, Munich Re und Hannover Rück verzeichneten im dritten Quartal 2025 einen Gewinnzuwachs von 28 Prozent. Munich Re erzielte allein im zweiten Quartal 2025 einen Rekordgewinn von 2,1 Milliarden Euro und strebt für das Gesamtjahr 6 Milliarden Euro an.

Industriekonzerne: Siemens, Rheinmetall, MTU und Siemens Energy profitieren von Infrastruktur-, Digitalisierungs- und Verteidigungsausgaben weltweit.

Diese Erfolge basieren auf starken internationalen Marktpositionen, Effizienzsteigerungen, Kostensenkungsprogrammen und der Fähigkeit, von globalen Megatrends wie Digitalisierung, künstlicher Intelligenz und Energiewende zu profitieren.

Der Dividendeneffekt: DAX als Performance-Index

Ein oft übersehener technischer Aspekt ist die Konstruktion des DAX als Performance-Index. Anders als etwa der Dow Jones oder Nasdaq werden beim DAX alle Dividendenzahlungen rechnerisch sofort in den Index reinvestiert. Dieser "Dividenden-Trick" hat einen massiven Einfluss auf die Indexentwicklung.

Von den 23.700 Indexpunkten Wertzuwachs seit 1988 beruhen etwa 63 Prozent auf reinvestierten Dividenden und nur 37 Prozent auf reinen Kurssteigerungen. Über die letzten 20 Jahre war die Rendite des DAX Performance-Index doppelt so hoch wie die des reinen DAX-Kursindex. Die DAX-Konzerne schütteten 2024 rekordhohe 54 Milliarden Euro an Dividenden aus – ein erheblicher Renditetreiber.

Geldpolitik und Bewertungsexpansion

Die expansive Geldpolitik der Europäischen Zentralbank hat die Aktienmärkte zusätzlich gestützt. Seit Juni 2024 senkte die EZB ihre Leitzinsen achtmal von 4,0 auf 2,0 Prozent. Niedrige Zinsen machen Aktien attraktiver als festverzinsliche Anlagen und treiben die Bewertungen nach oben.

Die Kursgewinne des DAX beruhten zwischen Anfang 2024 und Mitte 2025 weniger auf steigenden Unternehmensgewinnen als vielmehr auf einer Bewertungsexpansion. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) des DAX stieg in diesem Zeitraum von 11 auf 15, während die erwarteten Unternehmensgewinne nur um 4 Prozent zulegten. Die hohe globale Liquidität – getrieben durch Geldschöpfung im Bankensystem und massive Liquiditätsspritzen der chinesischen Zentralbank – stützt weiterhin die Aktienmärkte.

Ausländisches Kapital strömt in den DAX

Die Bedeutung ausländischer Investoren für die DAX-Performance ist erheblich gestiegen. Mittlerweile befinden sich 52,6 Prozent der DAX-Aktien in ausländischer Hand – vor allem bei nordamerikanischen (23,3 Prozent) und europäischen Investoren (22,3 Prozent). Bei 24 der 40 DAX-Konzerne halten ausländische Investoren die Mehrheit.

Diese internationale Investorenbasis zeigt das Vertrauen in die Qualität und Innovationskraft der DAX-Konzerne – unabhängig von der Schwäche des deutschen Binnenmarktes. In den ersten fünf Monaten 2025 flossen 7 Milliarden Euro Nettomittel in DAX-ETFs, da internationale Anleger europäische Aktien als Alternative zu den hoch bewerteten US-Märkten entdeckten.

Die Kehrseite: Deutsche Wirtschaft unter Druck

Während die DAX-Konzerne florieren, kämpft die Realwirtschaft in Deutschland mit massiven Strukturproblemen:

  • Rezession: Das BIP schrumpfte 2023 um 0,3 Prozent und 2024 um weitere 0,2 Prozent – die längste Rezessionsphase seit über 20 Jahren

  • Deindustrialisierung: Die Industrieproduktion befindet sich im Abschwung, besonders in den Kernbranchen Chemie, Automobil und Maschinenbau

  • Standortverlagerungen: Zwischen 2021 und 2023 verlagerten 1.300 Unternehmen Funktionen ins Ausland, wodurch netto 50.800 Arbeitsplätze verloren gingen

  • Strukturelle Probleme: Hohe Energiepreise (132 Euro/MWh in Deutschland vs. 61 Euro in den USA für 2030), Fachkräftemangel, überbordende Bürokratie und Infrastrukturdefizite belasten den Standort massiv

Fazit: Zwei parallele Welten

Der DAX repräsentiert heute weniger die deutsche Wirtschaft als vielmehr 40 global agierende Konzerne, die zufällig ihren rechtlichen Sitz in Deutschland haben. Diese Unternehmen profitieren von ihrer internationalen Aufstellung, starken Marken, Innovationskraft und Zugang zu Wachstumsmärkten weltweit. Gleichzeitig verstärken niedrige Zinsen, hohe Liquidität und der Dividendeneffekt die positive Indexentwicklung.

Die schwächelnde deutsche Wirtschaft betrifft vor allem den Mittelstand, kleine und mittlere Unternehmen sowie regional gebundene Branchen, die nicht im DAX vertreten sind. Der Rekordlauf des DAX ist daher kein Indikator für die Gesundheit der deutschen Wirtschaft, sondern zeigt die erfolgreiche Globalisierung der deutschen Großkonzerne – und offenbart damit gleichzeitig die wachsende Kluft zwischen DAX-Erfolgen und der strukturellen Schwäche des Wirtschaftsstandorts Deutschland.

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