Warum das KGV allein nicht reicht
Kennzahlen verstehen: Warum das KGV allein nicht reicht
Stell dir vor, du kaufst ein Auto nur wegen des niedrigen Preises – ohne auf Kilometerstand, Zustand oder Sicherheit zu achten. Genauso problematisch ist es, Aktien nur anhand einer einzigen Kennzahl wie dem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) zu bewerten. Während das KGV zweifellos eine wichtige Rolle spielt, kann es allein betrachtet zu kostspieligen Fehlentscheidungen führen. Warum das so ist und wie es besser geht, zeigt dieser Überblick. Falls du das KGV noch nicht verinnerlicht hast oder wissen willst, wie man es branchenübergreifend einordnet, lies zuerst unseren Ratgeber “Was ist ein gutes KGV bei Aktien?”
Das KGV: Ein nützlicher, aber unvollständiger Kompass
Das Kurs-Gewinn-Verhältnis ist eine der bekanntesten Kennzahlen. Es zeigt, mit dem Wievielfachen seines Jahresgewinns ein Unternehmen an der Börse bewertet wird. Vereinfacht: Bei einem KGV von 15 zahlst du das 15‑fache des aktuellen Jahresgewinns für eine Aktie.
Ein praktisches Beispiel: Unternehmen A kostet 100 Euro pro Aktie und erwirtschaftet 10 Euro Gewinn je Aktie – das KGV liegt bei 10. Unternehmen B kostet 150 Euro bei 5 Euro Gewinn je Aktie – KGV 30. Auf den ersten Blick wirkt A günstiger. Doch dieser Eindruck kann täuschen.
Die Tücken einer eindimensionalen Betrachtung
Problem 1: Vergangenheit vs. Zukunft
Das größte Problem des KGV: Es blickt oft in den Rückspiegel, während die Börse die Zukunft handelt. Ein niedriges KGV kann Stärke signalisieren – oder schlicht Erwartungen fallender Gewinne. Ohne Blick nach vorne bleibt die Aussage lückenhaft.
Praxisnah gedacht: Eine Firma mit rückläufigem Geschäftsmodell kann dank alter, noch guter Zahlen „billig“ wirken, obwohl die Perspektive schwach ist.
Problem 2: Gewinnqualität wird ignoriert
Nicht jeder Gewinn ist nachhaltig. Einmaleffekte, Bilanzpolitik oder Asset-Verkäufe können Ergebnisse künstlich erhöhen. Das KGV unterscheidet jedoch nicht zwischen operativer Ertragskraft und Sondereffekten.
Konkretes Szenario: Ein Immobilienverkauf drückt das KGV einmalig nach unten, obwohl das Kerngeschäft stagniert. Wer nur aufs KGV schaut, hält es für ein Schnäppchen.
Problem 3: Branchenkontext fehlt
Ein KGV von 25 kann in Tech günstig, im Versorgersektor teuer sein. Wachstumsfirmen rechtfertigen höhere Multiples als reife, stabile Unternehmen. Ohne Branchenvergleich verliert das KGV an Aussagekraft.
Warum Wachstumsunternehmen das KGV sprengen
Ein junges, dynamisches Unternehmen ist vielleicht gerade erst profitabel. Heute wirkt das KGV astronomisch hoch, aber bei starkem Gewinnwachstum relativiert es sich schnell. Entscheidend ist daher, ob die künftige Ertragsentwicklung das aktuelle Multiple tragen kann – Stichwort Forward-KGV und Gewinnpfad statt Momentaufnahme.
KGV in unterschiedlichen Unternehmenszyklen
Verlustphasen: Bei negativen Gewinnen wird das KGV unbrauchbar. Alternative Metriken (z. B. Umsatzmultiples, Bruttomarge, Cashflows) sind sinnvoller.
Turnaround: Niedrige KGVs nach Kursstürzen signalisieren oft Unsicherheit, nicht Sicherheit. Der Pfad zur Erholung zählt mehr als der aktuelle Multiplikator.
Zykliker: Am Zyklushoch sind Gewinne hoch und KGVs künstlich niedrig; am Zyklustief umgekehrt. Zyklische Glättung über mehrere Jahre hilft, Fehleinschätzungen zu vermeiden.
Der bessere Weg: Mehrere Metriken kombinieren
Statt das KGV zu verwerfen, gehört es in einen Werkzeugkasten mit komplementären Kennzahlen:
Profitabilität: Brutto‑/EBIT‑/EBITDA‑Marge, Eigenkapitalrendite (ROE), Kapitalrendite (ROIC)
Stabilität und Qualität: Cashflow-Deckung, Zinsdeckung, Ergebnis‑ und Margenkonstanz über Zyklen
Wachstum: Umsatz‑ und Gewinnwachstum, organisch vs. anorganisch, F&E‑Quote
Bewertung: KGV, KUV, KBV, EV/EBIT(DA), PEG-Ratio (KGV relativ zum Wachstum)
Risiko: Verschuldung (Nettoverschuldung/EBITDA), Zinsbindungsstruktur, Kundenzentrierung, Zyklizität, regulatorische Abhängigkeiten
So entsteht ein mehrdimensionales Bild statt einer Ein-Kennzahl-Story.
ValueScope’s 4-Kategorien-Ansatz als Kompass
Ein praxistauglicher Rahmen bündelt diese Vielfalt in vier Dimensionen:
Qualität: Wie robust ist das Geschäftsmodell? Kennzahlen wie ROIC, Margenstabilität, Cashflow-Qualität und Bilanzstärke geben Orientierung.
Wachstum: Wie entwickeln sich Umsatz, Ergebnis und Marktanteile? Wie tragfähig sind die Wachstumstreiber (Produktpipeline, Preissetzungsmacht, TAM)?
Bewertung: Wie ist der Preis relativ zu Ertragskraft und Wachstum? Kombination aus KGV, EV/EBIT(DA), KUV, PEG und Peergroup-Vergleich.
Risiko: Welche Unsicherheiten gefährden den Investment-Case? Leverage, Zyklizität, Konzentrationsrisiken, Regulierung, Disruption.
Der Vorteil: Die vier Kategorien verhindern Tunnelblick. Statt einer Kennzahl dominieren zu lassen, wird jedes Unternehmen entlang derselben, klaren Struktur beurteilt – nachvollziehbar, wiederholbar, vergleichbar.
Anschauliches Beispiel: Zwei scheinbar ähnliche „Schnäppchen“
Unternehmen A: KGV 12, Umsatzwachstum 2%, Eigenkapitalquote 30%, zyklischer Endmarkt.
Unternehmen B: KGV 18, Umsatzwachstum 15%, Eigenkapitalquote 60%, strukturell wachsender Markt.
Nur über das KGV betrachtet, wirkt A günstiger. Im Vier-Kategorien-Blick überzeugt B möglicherweise mehr: höhere Qualität (stärkere Bilanz, stabilere Cashflows), besseres Wachstum (marktgetrieben und investitionsgestützt), faire Bewertung relativ zum Wachstum (PEG), vergleichbares oder niedrigeres Risiko pro Einheit erwarteter Rendite.
Praktische Schritte für Einsteiger
Checkliste statt Bauchgefühl: Vor dem Kauf eine kurze Liste abarbeiten (Qualität, Wachstum, Bewertung, Risiko). So bleibt der Blick ganzheitlich.
Vorwärts statt rückwärts: Wenn verfügbar, Forward-Kennzahlen und mehrjährige Durchschnittswerte (z. B. zyklisch geglättetes Gewinnprofil) berücksichtigen.
Branchenvergleich: Multiples stets mit Peers und Sektoren einordnen; was in einer Branche günstig ist, kann in einer anderen teuer sein.
Gewinnqualität prüfen: Sondereffekte identifizieren, Cashflows gegenprüfen, Margen über Zeit betrachten.
Risiken quantifizieren: Verschuldungsgrad, Zinslast, Kundendichte, Abhängigkeiten und regulatorische Themen erfassen.
Kombination nutzen: Neben KGV auch EV/EBIT(DA), KUV, KBV und PEG-Ratio heranziehen, um Preis und Perspektive zusammenzubringen.
Bildungsfokus statt Anlageempfehlung
Dieser Leitfaden soll helfen, Kennzahlen besser einzuordnen und typische Fallstricke zu vermeiden. Er ersetzt keine individuelle Analyse oder Beratung. Entscheidend ist, ein konsistentes, mehrdimensionales Vorgehen zu entwickeln – und es diszipliniert anzuwenden.
Fazit: Orchester statt Solo
Das KGV bleibt ein nützliches Instrument – als Teil eines Orchesters, nicht als Solist. Wer Qualität, Wachstum, Bewertung und Risiko gemeinsam betrachtet, erkennt Zusammenhänge, statt sich an einer Zahl festzuhalten. Mit einem strukturierten Vier-Kategorien-Ansatz werden Entscheidungen nachvollziehbarer, robuster und weniger anfällig für Fehleinschätzungen. So entsteht aus vielen Kennzahlen ein klares, handlungsrelevantes Gesamtbild – genau das, was Einsteiger und Fortgeschrittene für solide Investmententscheidungen brauchen.
