Was ist ein gutes KGV bei Aktien?

Was ist ein gutes KGV bei Aktien? Der komplette Ratgeber

Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) ist wahrscheinlich die meistgenutzte Kennzahl bei der Aktienanalyse. Doch die Frage „Was ist ein gutes KGV?" ist tückischer, als sie aussieht. Ein KGV von 12 kann billig sein. Ein KGV von 12 kann aber auch eine Wertfalle sein. Hier erfährst du, wie du das KGV richtig einordnest – mit System statt Bauchgefühl. In unserem Deep-Dive “Warum das KGV allein nicht reicht” erfährst du, welche zusätzlichen Kennzahlen du unbedingt prüfen musst, um Wertfallen zu vermeiden.

Was ist das KGV überhaupt?

Das KGV berechnet sich aus dem Aktienkurs geteilt durch den Gewinn pro Aktie:

KGV = Aktienkurs ÷ Gewinn pro Aktie

Ein Beispiel: Eine Aktie kostet 50 Euro und verdient 5 Euro pro Aktie Gewinn. Das KGV ist 10.

Das bedeutet: Du zahlst das 10-Fache des jährlichen Gewinns für diese Aktie. Mit anderen Worten: Bei gleichbleibendem Gewinn hättest du deine Investition nach 10 Jahren verdient (ohne Berücksichtigung von Steuern und Reinvestitionen).

Das klingt einfach. Aber hier beginnen die Probleme.

Das KGV im Kontext: Warum Branche und Wachstum zählen

Ein KGV von 12 ist nicht automatisch günstig. Die Bewertung hängt entscheidend vom Geschäftsmodell, Wachstum und Branche ab.

Das KGV in verschiedenen Branchen:

Versorger (z.B. E.ON, Eon): KGV 12-15

  • Stabile, reife Unternehmen mit langsamen Wachstum (0-3%)

  • Hohe Dividendenrenditen (3-5%)

  • KGV von 12 ist hier normal bis teuer

Industrieunternehmen (z.B. Siemens, Daimler): KGV 8-12

  • Zyklische Gewinne

  • KGV schwankt stark mit Konjunktur

  • KGV von 8 kann günstig sein (Rezessionsphase)

  • KGV von 12 kann teuer sein (Boompause)

Technologieunternehmen (z.B. SAP, Infineon): KGV 15-35

  • Höheres Gewinnwachstum (5-15%)

  • KGV von 20 ist hier eher Normalfall

  • KGV von 30+ deutet auf Wachstumserwartungen

Pharma & Life Sciences: KGV 12-25

  • Längere Produktlebenszyklen

  • Hohe Forschungskosten (unsichere Gewinne)

  • KGV von 20 ist durchaus üblich

Die wichtigste Regel: Vergleiche ein KGV immer mit der gleichen Branche – nicht über Branchen hinweg.

Die KGV-Regel: PEG-Ratio verstehen

Hier kommt eine entscheidende Erkenntnis: Das KGV muss in Relation zum Gewinnwachstum betrachtet werden.

Die PEG-Ratio (Price/Earnings-to-Growth) macht genau das:

PEG = KGV ÷ Gewinnwachstum (in %)

Ein Beispiel:

  • Unternehmen A: KGV 20, Gewinnwachstum 10%

  • PEG = 20 ÷ 10 = 2,0

Das bedeutet: Die Aktie kostet das 2-fache ihres erwarteten Wachstums. Als Faustregel gilt eine PEG unter 1,0 als unterbewertet, zwischen 1,0 und 2,0 als fair, über 2,0 als teuer.

Praktisch: Eine Technologie-Aktie mit KGV 30 und 15% Gewinnwachstum (PEG 2,0) ist fairer bewertet als eine Versorger-Aktie mit KGV 12 und 1% Wachstum (PEG 12,0).

Die größten KGV-Fallen

1. Die Wertfalle: Niedriges KGV mit Grund

Manche Aktien haben ein KGV von 8, weil der Markt erwartet, dass die Gewinne fallen. Das ist dann keine Gelegenheit – das ist eine Warnung.

Beispiel: Eine traditionsreiche Automobilzulieferer mit KGV 8 könnte billig aussehen. Aber wenn die Elektromobilität die Geschäfte bedroht, sinken die Gewinne weiter. Die Aktie wird noch billiger.

Schutz: Prüfe, warum eine Aktie günstig ist. Nutze zusätzliche Kennzahlen wie ROE (Gewinnrendite), Dividendensicherheit und Management-Qualität.

2. Die Konjunktur-Falle: Zyklische Gewinne

Bei zyklischen Unternehmen (Autos, Banken, Rohstoffe) ist das KGV am Ende eines Booms niedrig – und Gewinne fallen bald massiv.

Beispiel: Eine Bankaktie mit KGV 8 am Höhepunkt der Kreditvergabe sieht billig aus. Zwei Jahre später, nach Kreditausfällen, hat sich das KGV verdoppelt, obwohl der Kurs fiel.

Schutz: Nutze das durchschnittliche KGV der letzten 5 Jahre. Ein KGV unter diesem Durchschnitt ist eher günstig; über dem Durchschnitt eher teuer.

3. Die Gewinnerwarnung: Kreative Bilanzen

Manche Unternehmen „optimieren" ihre Gewinne durch Einmaleffekte oder Bilanzierungstricks. Das KGV sieht niedrig aus, aber die operativen Gewinne sind schwächer.

Schutz: Vergleiche den Kurs-Cashflow mit dem KGV. Der freie Cashflow ist schwerer zu manipulieren als Gewinne.

So findest du ein wirklich gutes KGV

Schritt 1: Vergleich mit der Branche

Ermittele das durchschnittliche Branchenkgv:

  • SAP vs. andere Software-Konzerne

  • Siemens vs. andere Industrieunternehmen

  • E.ON vs. andere Versorger

Faustregel: Ein KGV 15-20% unter dem Branchendurchschnitt ist interessant.

Schritt 2: Vergleich mit der Unternehmenshistorie

Schau dir das KGV des Unternehmens der letzten 5-10 Jahre an:

  • Wo war das KGV durchschnittlich?

  • Wo waren die Extreme?

  • Das aktuelle KGV unter dem historischen Durchschnitt? → Potenziell günstig

  • Das aktuelle KGV über dem historischen Schnitt? → Eher teuer

Schritt 3: Gewinnwachstum prüfen

Nutze die PEG-Ratio. Ein niedriges KGV lohnt sich nur, wenn die Gewinne nicht fallen werden.

  • Wächst der Gewinn 5-10%? → KGV unter 15 ist interessant

  • Wächst der Gewinn 15-20%? → KGV bis 25 ist fair

  • Wächst der Gewinn über 25%? → KGV bis 40 ist akzeptabel

Schritt 4: Qualitätskriterien checken

Ein niedriges KGV nutzt nichts, wenn das Unternehmen qualitativ schwach ist:

  • ROE (Eigenkapitalrendite): Über 15% ist gut

  • Verschuldungsquote: Unter 50% Nettoverschuldung/EBITDA

  • Dividendensicherheit: Payout Ratio unter 60%

  • Management-Track-Record: Steigender Umsatz + steigende Gewinne

Die Faustregel für Privatanleger

Für Value-Investoren:

  • KGV 20-30% unter Branchendurchschnitt + historischer Schnitt

  • Positives Gewinnwachstum (mindestens 3-5%)

  • Hohe Unternehmensqualität

Für Dividenden-Investoren:

  • KGV unter 15 bei stabilen Unternehmen

  • Aber: Lieber KGV 18 mit 5% Dividendenrendite als KGV 8 mit sinkenden Gewinnen

Für Wachstums-Investoren:

  • KGV/Wachstum-Quotient (PEG) unter 2,0

  • Gewinnwachstum mindestens 10-15%

Das wichtigste Takeaway

Ein „gutes" KGV gibt es nicht in absoluten Zahlen. Es gibt nur gute und schlechte KGVs im Kontext:

  • Im Kontext der Branche

  • Im Kontext der Unternehmenshistorie

  • Im Kontext des zu erwartenden Gewinnwachstums

  • Im Kontext der Unternehmensqualität

Das KGV ist wie eine Lupe: Es zeigt dir, ob etwas teuer oder billig aussieht. Aber ob es wirklich günstig ist, erkennst du nur mit zusätzlichen Daten.

Wer das KGV richtig nutzt, vermeidet die teuersten Anfängerfehler: überteuerte Wachstumsaktien zu kaufen und value-traps zu ignorieren.

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